Kindheit und Jugend im Alsergrund

Es gibt Orte, die uns formen – nicht nur durch Gebäude, Straßen oder Gerüche, sondern durch die Geschichten, die sie in uns hinterlassen. Für mich ist das der Alsergrund – Wiens 9. Bezirk. Hier bin ich aufgewachsen, zwischen Opernklängen, skurrilen Nachbarn und philosophischen Krisen. Hier lernte ich zu denken, zu träumen, zu zweifeln – und zu leben.
In diesem Text erzähle ich von Kindheit, Musik, Universität, existenziellen Umbrüchen – und von der Schönheit eines Bezirks, der mich nicht nur geografisch verortet hat, sondern auch seelisch.

Kindheit im Alsergrund

Ich bin zwar in der sowjetischen Ukraine geboren, doch die Umstände führten meine Eltern und mich bereits in meiner Kindheit – in den 1990ern – in den 9. Wiener Gemeindebezirk, den Alsergrund. Dort zogen wir in ein etwa hundert Jahre altes Altbauhaus voller interessanter und herzlicher Menschen.

Mein Kinderzimmer bot mir eine ungewöhnliche Aussicht: Von dort konnte ich einem bekannten österreichischen Künstler bei seinen Aktzeichnungen zusehen. Aus der Küche wiederum beobachtete ich nachts einen berühmten Schauspieler, wie er auf seiner Terrasse eine Toilettenschüssel als Blumentopf verwendete. Skurril? Und wie.

Für ein Kind war das alles mehr als faszinierend. Dazu kam noch, dass meine Eltern beide Opernsänger waren. Unsere Wohnung war durchdrungen von klassischer Musik – täglich wurde gesungen, geprobt, diskutiert. Freunde, Studenten, Musiker und Künstler kamen und gingen. Kunst und Kultur waren bei uns kein Konzept – sie waren Alltag.

Morgenritual mit Mama

Besonders lebhaft sind meine Erinnerungen an die morgendlichen Rituale meiner Mutter. Wenn ich noch halb im Schlummer lag, hörte ich aus der Küche:
„Kaffee… Kaffee… ‚Ei! wie schmeckt der Coffee süße, lieblicher als tausend Küsse!‘“
– die Bach-Kaffeekantate, leidenschaftlich gesungen von Mama, während sie sich ihren Espresso mit Chilischoten aus Süditalien zubereitete. Ein feuriger Auftakt für den Tag voller Gesang und Unterricht.

Papa war eher zurückhaltend, ruhig und bodenständig. Er war der stille Pol in unserem Haus, während Mama unsere Primadonna war – manchmal etwas skurril, wie mein erster Freund einst meinte.

Das Leben im Grätzl

Mein Alltag führte mich oft quer durch den Alsergrund. Ich rannte die Altbautreppe hinunter und begegnete dabei Frau Maurer, genannt „Mitzi“, wie sie im Hof die Wäsche aufhing. Ihr Klo befand sich wie in vielen Altbauten am Gang. Aus unseren Italienurlauben mussten wir ihr regelmäßig Tomatensauce mitbringen – sie und ihr Mann, ein pensionierter Polizeibeamter, waren ganz vernarrt in diese Sugo.

Ich schlenderte durch das wunderschöne Servitenviertel, vorbei an der Servitenkirche, dem Liechtensteinpalais, der Strudlhofstiege – Orte, an denen Kunst, Geschichte und Alltag verschmelzen. Hier war mein Herz zuhause.

Uni-Zeit: Slawistik, Philosophie und Identitätssuche

Mein Studium führte mich an die Universität Wien – zur Slawistik und zur Philosophie. Ich war jung, ehrgeizig und voller Fragen. Professoren wie Konrad Paul Liessmann oder Günther Pöltner beeindruckten mich tief. Gleichzeitig fühlte ich mich oft einsam – eine der Jüngsten auf der Fakultät, ein Außenseiterkind mit Freddie Mercury als Musik-Idol.

Die Leichtigkeit der Kindheit wich einer inneren Schwere. Ich überforderte mich, wollte alles wissen, alles durchdenken. Irgendwann kam es zu einem Bruch: Ich entwickelte eine Derealisation und Depersonalisation – das Gefühl, die Welt durch eine Glasscheibe zu erleben. Zwei, drei Jahre dauerte dieser Zustand.

Eine metaphysische Krankheit

Ich nenne es heute eine „metaphysische Krankheit“. Es war kein völliger Zusammenbruch – ich studierte weiter, schrieb Einser, funktionierte nach außen. Aber innen hatte ich mich verirrt. Ich begann Tagebuch zu schreiben, um einen Anker zu finden. Fragen wie „Wer bin ich?“ und „Wie viele bin ich?“ wurden zu existenziellen Begleitern.

Ich verbrachte Zeit teils in den rauchgeschwängerten Kommunikationsräumen der Fakultät, hörte den älteren Studierenden zu, beobachtete, suchte Anschluss – und blieb doch oft allein. Aber ich lebte noch bei meinen Eltern, in unserem musikalischen Zuhause, das mir Sicherheit gab.

Frau Dr. Flegel und andere Begegnungen

In dieser Zeit lernte ich auch Frau Dr. Ulla Flegel kennen, meine Hausärztin im Alsergrund – eine ehemalige Olympia-Sprinterin aus den 1960ern mit beeindruckender Bibliothek. Sie sah sich meine Blutwerte an und sagte: „Sie sind ein sensibler Mensch, das sehe ich an Ihrem Blutbild.“ Ich musste lachen – und fühlte mich verstanden.

Ich ließ mich weiter durch Wien treiben, ging in die Servitenkirche, beobachtete Menschen, atmete die Geschichte. Wien – und besonders der Alsergrund – war für mich mehr als ein Ort. Es war eine Art Spiegel meiner Seele.

Musik und die erste Liebe

Obwohl meine Familie tief in der Oper verwurzelt war, zog es mich zur Rockmusik. Freddie Mercury war mein Held. Ich träumte davon, in einer Band zu singen – etwas Eigenes zu schaffen. Eines Tages kam die Gelegenheit: Ein Bassist einer Coverband suchte eine Sängerin. Ich bewarb mich – und bekam die Stelle. So begann mein Weg in die Musikszene Wiens.

In dieser Band lernte ich meinen ersten Freund kennen, der mich mit Unterbrechungen über ein Jahrzehnt begleiten sollte. Wir probten in unserem Wohnzimmer – die Nachbarn waren erstaunlich verständnisvoll. Nur einmal kam die Polizei. In all den Jahren.

Dankbarkeit und Nachklang

Heute blicke ich zurück auf diesen Abschnitt meines Lebens mit Staunen, Dankbarkeit – und ein wenig Wehmut. Der Alsergrund hat mich geprägt. Zwischen Opernarien, Studentenphilosophie, italienischer Tomatensauce und existenziellen Krisen bin ich zu der Person geworden, die ich heute bin.

Und auch wenn mein Weg nicht immer leicht war, so war er doch reich: an Eindrücken, Menschen, Fragen und Erlebnissen…

To be continued

(Daria Kokozej, Orginaltext begonnen 2024, editiert im Juni 2025, und von der KI überarbeitet) – Fortsetzung folgt

Veröffentlicht von gloriajoandaria

BA (Philosophie) Uni Wien, Berklee Summer School 2018, St Franziskus Volksschule, Boerhaavegasse Gymnasium, Uni Graz... etc...

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