Artikel/“Essay“ von Daria Kokozej, 8A, Boerhaavegasse; 2006, (Abitur-/Matura-Kernstoff Bildnerische Erziehung 2006)
Was ist Kunst…?
Kunst ist ein wesentlicher Bestandteil der menschlichen Kultur und Geschichte. Durch sie kann man die Entwicklung der Menschheit und der Gesellschaft ablesen, d.h. ihre Gewohnheiten, Sitten, Bräuche, Religion, ihre Wertvorstellungen bzw. Ideale etc.
Kriege, Revolutionen, wichtige Ereignisse, Erfindungen beeinflussen die Kunst und die Einstellung der Menschen zu ihr. Ein Künstler kann von der Zeit, in der er lebt beeinflusst werden, er kann jedoch in seinem Kunstwerk diese Zeit kritisieren oder, im Gegenteil, loben.
Künstler können sich mit geistigen Themen und der Gesellschaft beschäftigen und diese Vielfalt an Themen in ihren Werken abbilden, um andere zum Nachdenken anzuregen. Damit bringt der Künstler praktisch seine eigene Meinung, seine Gefühle und Gedanken zum Ausdruck.
Somit erfüllt Kunst auch die Funktion der Kommunikation, da der Künstler in der meisten Fällen durch sie etwas mitteilen möchte; an all diesen Beispielen erkennt man, dass Kunst sehr vielseitig ist und sich deshalb auch vielseitiger Ausdrucksmittel und der verschiedensten Techniken bedient: Malerei, Plastik, Film, Fotographie, Design, Druckgraphik etc.
Man kann die Kunst natürlich auch als Gegenteil der Natur sehen. Somit ergibt sich ein Dualismus zwischen Kunst und Natur, wobei Natur all das ist, was selbst entsteht und Kunst das, was der Mensch erschafft. Nicht umsonst hat Aristoteles in seinem Text „Stufen der Erkenntnis“ die Kunstfertigkeit (techné) als Fähigkeit bezeichnet, Dinge zu entwickeln, die es in der Natur nicht gibt. Auch wenn er damit in erster Linie die Herstellung und Verwendung von Werkzeugen gemeint hat, scheint diese Aussage im Hinblick auf die Definition von Kunst sehr interessant.
Die ästhetische Aufgabe der Kunst besteht jedoch darin, unsere Umwelt zu „verschönern“, dh sie für uns freundlicher, positiver zu gestalten und zu „bereichern“.
Jedoch gibt so so viele verschiedene Standpunkte auf die Frage „Was ist Kunst?“, wie viele Menschen und Künstler es gibt. Auch die Zeit, in der die Äußerungen zum Thema Kunst enstanden sind, spielen eine wesentliche Rolle beim Definieren dieser Frage.
In der Antike galten Kunstwerke als äthetisch und vollkommen, wenn sie „perfekte“ Proportionen (des Körpers, der Architektur) aufgewiesen und die Natur möglichst wahrheitsgetreu abgebildet haben. Pythagoras (5 Jh. v. Chr.) meint z.b.: „Schönheit ist Proportion, Maß, Regelhaftigkiet“, während der griechische Philosoph Seneca (ca. 4 v. Chr. – 65 n Chr.) glaubt, dass Kunst „alle Nachahmung der Natur“ sei.
Im Mittelalter und der Renaissance hat man Kunst mit Schönheit gleichgesetzt: der Begriff „schön“ an und für sich wurde als alles „Helle und Lichtvolle“ und „Abglanz der göttlichen Schönheit“ definiert. Selbst Friedrich Hölderlin (1770 – 1843) meint wesentlich später: „Das erste Kind der göttlichen Schönheit ist die Kunst“.
Mit dem Anbruch des Medien-Zeitlalters gehen die Meinungen zum Thema Kunst wesentlich auseinander: „Das Kunstwerk hat durch Film und Fotografie seine Einmaligkeit („Aura“) verloren. Mit diesem Verlust geht eine Erhöhung des kritisch-politischen Potentials von Kunst einher.“ (Walter Benjamin?)
In einer Umfrage, die 1977 in Stuttgart durchgeführt wurde, wird klar, dass es keine einzige Antwort auf die Frage „Was ist Kunst?“ geben kann, denn jeder Mensch erwartet sich etwas anderes von der Kunst: 65% der Befragten meinen, Kunst soll entspannen, unterhalten und den Alltag verschönern, 37% sind dafür, dass Kunst bilden und zum Nachdenken anregen soll; 24% denken, Kunst soll die Wirklichkeit abbilden, während 11% sich überhaupt nicht für die Kunst interessieren und glauben, sie sei überflüssig.
Wichtig zu erwähnen wäre, dass Kunst (bzw. ein Kunstwerk) und ihre Betrachtung (Kunstrezeption) immer zusammen gehören. Grundsätzlich unterscheidet man zwei Arten der Kunstrezeption: die funktionale und die ästhetische Betrachtung. Die funktionale Betrachtung ist auf den Nutzen (= die Funktion) eines Gegenstandes bezogen, während sich die ästhetische Betrachtung mit der Gestalt und der Wirkung des Gegenstandes mit den damit in Zusammenhang stehenden symbolischen Bedeutungen und seelisch-geistigen Assoziationen (bzw. der emotionalen Färbung) auseinandersetzt. Ein im Kunstwerk dargestellter Baum kann z.B. die Funktion eines Sauerstoffspenders, eines Lebensraumes für Tiere, eines Werk- oder Brennstoffes erfüllen. Ästhetisch betrachtet kann er jedoch ein Symbol für Leben, Wachstum, Einsamkeit etc. sein. Schließlich spielen bei der ästhetischen Betrachtung eines Gegenstandes die Formen und die Färbung mit den damit hervorgerufenen Assoziationen (=Perzeption/Wahrnehmung) eine wesentliche Rolle.
Eine Idee, die mir persönlich gefällt, stammt von einer Umfrage von einer Schülerin: „Für mich ist Kunst das, was eine Idee oder Gefühl ausdrückt, die damit auch anderen – nicht nur dem Künstler – vorstellbar werden.“
Meiner Meinung nach kann Kunst ALLEIN nicht bilden, denn sie ist Bestandteil eines riesigen Systems, und zwar der Kultur, zu der auch Literatur, Musik, Ethik etc. gehören – nur das Konglomerat all dieser „Strömungen“ trägt zu der geistigen Entwicklung des Menschen bzw. der Menschheit bei. Außerdem denke ich, dass es keine universelle Antwort auf diese Frage gibt und geben muss, sondern dass diese Frage mit den verschiedensten Standpunkten der Menschheit beschrieben werden kann, denn die Welt, die Menschen und somit auch die Kunst sind nicht einfältig, sondern weisen eine ungeheure Vielfalt auf. Damit bin ich auch dem Standpunkt der Sophisten (4. Jh. v. Chr.) nahe, die meinen: „So viele Menschen, so viele Schönheitsvorstellungen.“
Daria Kokozej (2006)