Beginn einer neuen Zeit

(Verfasst im Jahre 2003; 6A, Boerhaavegasse…)

Alles begann im Jahre 1993… genauer gesagt, am 30.12.1993. Ich war 5-einhalb Jahre alt.

Meine Eltern und ich haben viele Vorbereitungen getroffen. Fast alles, was wir besaßen, wurde gepackt. Sogar der kleine Fernseher, den meine Mutter 1990 aus Japan mitgebracht hatte, wurde sorgfältig in ein geeignetes Karton gelegt und dann meterweise mit Klebeband zugeklebt. Auch mein neues Barbiehaus wurde zusammengelegt und somit zur Abreise fertig gemacht…

Wie wir jedoch zur Zugstation fuhren und wie unsere Reise nach Wien erfolgte, weiß ich nicht mehr. Dieses Kapitel ist aus meinem Gehirn wie ausgelöscht worden… so, als hätte ich es nie erlebt…

Der Grund, weshalb wir nach Wien reisen mussten, war, dass meine Mutter Arbeit in der Staatsoper bekommen hat. Für mich klang das sehr aufregend. Ich bin meinen 5 einhalb Jahren schon etwas herumgekommen, aber noch nie zuvor war ich in Wien…

Meine Mutter hat mir erzählt, wir wären um 1 Uhr nachts aufgebrochen. Ich hätte fest geschlafen… unsere Reise mit dem Zug dauerte insgesamt 26 Stunden – von Kiew nach Wien.

26 Stunden und ich kann mich absolut nicht mehr erinnern. Das Einzige, das ich noch weiß, und was in meinem Kopf zum Vorschein kommt, ist ein Auto: Wir sitzen in einem schwarzen Auto und ich bin sehr müde. Meine Mutter sagt mit sanfter Stimme zu mir: „Wir sind bald da.“…

Von diesem Zeitpunkt an ist alles sehr genau: Wir sind am 30.12.1993 angekommen. Einen Tag vor Silvester. Die Wohnung in der Kleinen-Stadt-Gut-Gasse war klein und mickrig… Alles fehlte. Sogar die Fenster hatten keine Gardinen. Zu finden waren einige Möbel: 3 Betten, ein paar leere Schränke, ein Tisch. Die Wohnung hatte außerdem eine kleine Küche und ein bescheidenes Badezimmer.

Da am nächsten Tag Silvester war, spendete uns unsere neue Nachbarin einen 60cm kleinen, aber echten(!) Weihnachstbaum. Vom wenigen Geld, das wir besaßen, kauften wir ein paar Weihnachtskugeln und schmückten ihn…

Wir stellten alles an, damit die neue Wohnung sich etwas gemütlich anfühlte. Wir packten unseren kleinen japanischen Fernseher aus und programmierten ihn gleich. Er funktionierte und zeigte uns ORF1 und ORF2 an. Ich verstand kein Wort von dieser für mich damals geheimnisvoll und etwas schlampig klingenden Sprache…

Mein Barbiehaus wurde aufgestellt. Ich verbrachte fast den ganzen Tag damit, mit meinen Puppen zu spielen, während meine Eltern das Geschirr auspackten und die Betten bezogen.

Und dann kam Neujahr…

Das einzige Dokument dieser „neuen Zeit“, welches noch übrig geblieben ist, ist eine Aufnahme mit unserer Videokamera, die meine Mutter (auch) aus Japan mitgebracht hatte…

Daria Kokozej (damals 6A, 2003) (leicht abgeändert 2021)

Veröffentlicht von gloriajoandaria

BA (Philosophie) Uni Wien, Berklee Summer School 2018, St Franziskus Volksschule, Boerhaavegasse Gymnasium, Uni Graz... etc...

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